Kunsthistorisches Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Das Kunsthistorische Institut Bonn zählt zu den traditionsreichsten Lehrstühlen der deutschsprachigen Kunstgeschichte. Nach Carl Justi verdankt es seine führende Stellung neben Berlin und München vor allem Paul Clemen (1866-1947), der ab 1902 das ehem. "Kabinett für mittelalterliche und neuere Kunst" zu dem modernsten Forschungsinstitut Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausbaute. Bereits während der Weimarer Republik war die Universität Bonn ein Zentrum der nationalkonservativen Forschung, das unter dem nationalsozialistischen Regime als "geistige Festung an der Westgrenze" (Ernst Anrich, 1933) umgestaltet werden sollte. Vor diesem Hintergrund wurde 1935 der ausgewiesene Nationalsozialist Alfred Stange (1894-1968) auf den kunstistorischen Lehrstuhl berufen. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Kunstgeschichte zu einer am stärksten nationalsozialistisch durchdrungenen Wissenschaften der Universität Bonn.
Die Aktivitäten der Bonner Kunsthistoriker, die sich in der Kommunikation mit Kollegen oder staatlichen bzw. parteigebundenen Stellen niederschlugen, werden durch die virtuelle Zusammenführung von verstreuten Archivalien rekonstruiert. Dies betrifft zum Beispiel die Vergabe von Stipendien, durch die Stange zahlreiche junge Wissenschaftler an das Bonner Institut band, um die kunstgeografischen Forschungen auf das "germanische Erbe" der französischen Kunst auszurichten. Darüber hinaus unternahm der Bonner Ordinarius weitreichende Initiativen zur Umstrukturierung des Wissenschaftsbetriebes während des "Dritten Reiches". Er plante etwa die Reform des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft oder die Errichtung eines Reichsinstitutes für Kunstgeschichte und pflegte enge Verbindungen mit Alfred Rosenberg, dem Leiter des SS-Vereins Ahnenerbe und selbsternannten Chefideologen des Nationalsozialismus.
Der wissenschaftliche Schwerpunkt des Bonner Instituts schlug sich schließlich auf institutioneller Ebene nieder. In staatlichem Auftrag führten Bonner und Marburger Kunsthistoriker Fotokampagnen in den besetzten Gebieten Frankreichs durch, die der Dokumentation von Kunstdenkmälern dienen sollten. Der Landeskonservator der rheinischen Denkmalpflege, Franz Graf Wolff-Metternich (1893-1978), Honorarprofessor am Bonner Institut, wurde 1939 zum Leiter des Kunstschutzes in Frankreich erklärt. Sein Mitarbeiter Hermann Bunjes (1911-1945), der ebenfalls am Bonner Institut lehrte, übernahm 1942 die Leitung der Kunsthistorischen Forschungsstätte Paris, deren Gründung auf eine Initiative Stanges zurückging. Wie zu zeigen sein wird, übernahmen Bonner Kunsthistoriker auch die Funktion von Vermittlern und Gutachtern im Umfeld des Kunst- und Kulturgutraubes. Anhand der Ende 2005 online verfügbaren Quellen soll darüber hinaus der Bereich des Alltags beleuchtet werden, um eine mögliche ideologische Durchdringung von Institut und Universität greifbar zu machen. Die Rekonstruktion von Auseinandersetzungen zwischen Kollegen, wie in Bonn der Konflikt zwischen dem älteren Professor Eugen Lüthgen und dem jungen Kollegen Hans Weigert, dienen der Offenlegung von Karrierestrategien zur Zeit des Nationalsozialismus.
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